Glas und Stein
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Welt aus Glas und Stein – ein Kunstmärchen

Als es noch in Gut und Böse getrennte Menschen gab, ist schon so lange her, dass nur gesagt sein kann: Es war einmal, weit vor unserer Zeit, in einer anderen und doch unserer Welt.

Die guten Menschen lebten in einer Stadt aus Glas. Alles zu sehen und von allen gesehen werden, machte ihnen nichts aus. Allerdings war die hochragende Außenmauer derart angefertigt, dass Einblicke vom Land her auf die Spitzen der höchsten Türme beschränkt blieben. Aufbau und Verteilung der Gebäude und Straßen ermöglichten ein helles Licht in der Stadt. Die Bewohner nannten sich selbst – Freundliche. Sie hatten keine Not an dem wovon sich leben ließ, waren edel an Gestalt, Kleidung und Bildung. Ihren Lebenssinn bestimmte den Künsten, wie Malen, Schreiben, Dichten, Musizieren, Bildhauerei und vielen anderen zu dienen. Ihre seltenen Streitereien endeten nie in Zerwürfnissen. Rund um die nicht kleine Glasstadt erstreckte sich weithin flaches Ackerland. Die gesamte Ebene umschloss ein Gebirge vollständig. Dessen Gipfel waren bei klarem Wetter teilweise von der Spitze des größten Turms schwach in der Ferne erkennbar. Jenseits des breiten Ringgebirges lag der Uferstreifen des Meeres, das die restliche Weltkugel bedeckte. Erzählungen über eine schwimmende Insel wurden auf Grund vieler unterschiedlicher und widersprüchlicher Geschichten für Märchen gehalten. Die bösen Menschen nannten sich selbst – Schlechte. Diese Leute bewohnten das Gebirge und die Küste. Sie führten ein wildes, unbeständiges Leben. Freunde von Gestern konnten heute im Krieg sein und morgen gleichgültig zueinander. Zu keiner Zeit waren alle satt oder gar nett miteinander. Die Not des Einen reichte den Anderen zur Freude. Ihren Umgang beherrschte die Sprache der Gewalt. Die einzige Bildung, die den Schlechten wichtig schien hieß: Hinterlist. Ihre kleinen aber zahlreichen Kriege untereinander, ein fast ständig trunkenes Leben, als auch überhaupt fehlende Gemeinsamkeiten, all das machte sie plump, ungepflegt und rechthaberisch.

Die Schlechten bestellten den Freundlichen die Äcker und brachten den Stadtleuten Rohstoffe und Fische. Die Landbewohner verrichteten alle Arbeiten außerhalb der Stadt, die zu betreten ihnen untersagt war. Die Stadtbewohner verfügten über riesige Werkstätten, in denen sie Arbeitsgeräte planten, bauten und verbesserten, was Geschick und Beständigkeit erforderte. Oft stellten die Freundlichen ihre Lieferungen und Ratschläge, wegen der Launen und Unzuverlässigkeiten der Schlechten, vorübergehend ein. Diese Zerstrittenheit unterbrach immer wieder den Gang der Dinge, beendete oder veränderte den Ablauf aber nie. Insgesamt hielten sich die beiden Völker strikt voneinander fern. Die Stadtbewohner behandelten die Schlechten ähnlich wie unberechenbare Raubtiere und glaubten, den Landbewohnern fehlte der Sinn für das Leben. Die Schlechten sahen in den Freundlichen nützliche Dümmlinge, die zwar gefährliche Waffen besaßen, jedoch hielten sie die Stadtbewohner für unfähig ein Menschenleben zu führen.

Zu solcher Zeit sprach ein Stadtoberer die Forderung aus, die Schlechten sollten sich den Gesetzen der Freundlichen unterwerfen. Während seiner langen Rede malte er in düsteren Farben aus, was geschehen könnte, würden die wilden Landbewohner über die Glasstadt herfallen. Nach vielen, nie dagewesenen heftigen Streitgesprächen ward beschlossen: Die Schlechten müssen die Herrschaft der Stadtbewohner anerkennen. Es lag auf der Hand, dass die Freundlichen ihren Entschluss zuerst einmal verschwiegen. Die Gerätschaften, die zum Sieg verhelfen sollten, entstanden im Verborgenen. Die Waffen der Landbewohner waren allesamt solche, die die Hand führte. Daher wurden gepanzerte Wagen gebaut, als auch Waffen, die nicht bis zum Feind getragen werden mussten.

Die Schlechten blieben ahnungslos, hatten sie doch eigene Neuigkeiten. Ein Landbewohner verlangte nach mehr Einigkeit der Schlechten. Der Inhalt seiner Reden beeindruckte nicht sonderlich, aber dennoch waren seine Worte in aller Munde. Er sprach von Unabhängigkeit, Erfüllung eigener Wünsche und ähnlichem mehr. Anfangs beachteten die Landbewohner ihn nur, weil niemand diesen kraftstrotzenden „Verrückten“ zum Verstummen bringen konnte. Sie nannten ihn „Der Wanderer“ ob seiner ständigen Reisen von einer Stammesgruppe zur anderen, und der solcherart Bezeichnete führte das Leben eines vergnüglichen doch nicht ernstgenommenen Narren. Die neuen Forderungen  der Stadtbewohner kamen den Schlechten sonderbar vor, aber durch die Erklärungen schöpften sie keinen Verdacht. Ihnen wurde von den Freundlichen gesagt, die großen Mengen teils bisher unbekannter Rohstoffe seien notwendig, um neue Künste zu erfinden. Auch die sternförmig verlaufenden, untereinander vernetzten Straßen von der Stadt bis ans Meer, seien doch weitaus eher zum Nutzen der Landbewohner gebaut  worden.

Kaum merkbar lenkten die Stadtbewohner die Schlechten dahin, die Wünsche der Freundlichen schnell und weisungsgemäß auszuführen. Die Landbewohner vergaßen ihre leisen Zweifel bald. Sie bekamen von den Stadtbewohnern, neben neuen Werkzeugen und anderen Arbeitserleichterungen, stark berauschende Stoffe, die ihre alten Rauschmittel in jeder Hinsicht übertrafen. Bei den Schlechten löste dieses Vorgehen der Freundlichen die meisten Fragen aus. Hier reichte die Antwort, die Mittel seien für die Stadt wertlose Nebenprodukte von – Kunststoffen. Über all das neue Tun und die mit wenigen Nebenwirkungen berauschenden Mittel schienen die Landbewohner sogar ihre Kämpfe erheblich zu verringern. Dadurch sahen die Stadtbewohner ihr Vorhaben bestätigt und bauten mit großem Eifer an den Waffen und Geräten, um die Weltherrschaft zu übernehmen.

Der Stadtobere indes steigerte seine aufpeitschenden Reden ins Unermessliche. War er zwar weiterhin edel an Gestalt und  Kleidung, wandelten sich seine Worte, Gesten und Gewohnheiten doch sonderbar. Er vermittelte nicht mehr, sondern ließ Ratsuchende mit der Bemerkung stehen, sie sollten, anstatt Zeit zu vergeuden, für das große Ziel arbeiten. Statt Hinweisen gab es Befehle. Er fing an, Ungehorsame bestrafen zu lassen. Die Freundlichen bemerkten seine Veränderungen nicht – weil sie es nicht bemerken wollten. Sie hatten Angst voreinander bekommen und glaubten dem Stadtoberen, es sei in Wirklichkeit die Angst vor den Schlechten. Alles in allem fiel den Freundlichen und Schlechten nichts aneinander auf, dennoch: die Landbewohner bekämpften sich immer weniger, und die Stadtbewohner verwandelten sich eine straff geführte, gut ausgerüstete Armee. Beim Alten geblieben waren die Abgeschlossenheit der Gläsernen Stadt und die Uneinigkeit der Schlechten.

Es kam, wie es kommen musste. Der Obere sprach aus, wie er sich die Weltherrschaft vorstellte. Den Einwand, so wie es zurzeit sei, wären die Freundlichen Herrscher über die Schlechten, fegte er beiseite. Er bestand darauf, die Gesetzgebung der Freundlichen müsse auch von den Schlechten anerkannt sein. Es kam soweit, dass die wenigen aber lautstarken Zweifler zu Gesetzesbrechern erklärt wurden. Den Landbewohnern ward mitgeteilt:

„Wir – die Freundlichen, laden alle Schlechten ein, auf den Feldern um die Stadt ein Fest zu halten. Dies wird vorgeschlagen, weil in der Glasstadt nicht alle aufgenommen werden könnten. Auf Grund der Einmaligkeit des Ereignisses sollten alle kommen. Kein Mensch darf an dem Großen Tag fehlen. Das Fest betrifft alle. Außer die Stadt zu betreten oder Straßen zu versperren gibt es keinerlei Einschränkungen. Die Versorgung entsprechend den Bedürfnissen und Wünschen ist zugesichert. Kommt alle zu dem Großen Tag!“

Gleichzeitig mit der ständigen Benachrichtigung aller Handelsreisenden begannen die Stadtbewohner riesige, übersichtliche Zeltdörfer aufzubauen. Die Zelte standen kreisförmig um die Glasstadt, begrenzt von der Ringallee, entlang den Sternstraßen und durchzogen von Verbindungswegen – weit ins Land hinaus.

Während die Stadtbewohner mehr oder weniger den Freundlichen von einst glichen, jedenfalls bis auf die Uniformen, ähnelte der Stadtobere vom Benehmen eher den Schlechten, als die Landbewohner selbst in jener Zeit.

War es wirklich nur die Aussicht auf ein kostenloses Fest? Oder leise erwachte Neugierde? Letztlich kamen die Schlechten ausnahmslos. Nach und nach füllten sich die Zeltdörfer. Die genau einzuhaltenden Anweisungen der Freundlichen überraschten, aber verwunderten kaum. Die zuverlässigsten Händler wurden in die Zelte an der Ringallee geleitet. Die Stadtbewohner sorgten dafür, dass die Straßen frei blieben und zu nichts anderem als Wege genutzt wurden. Einige der zuletzt eingetroffenen Familien von der Meeresküste berichteten, die sagenumwobene Insel gesehen zu haben, selbst jene, die aus entgegengesetzten Himmelsrichtungen kamen. Die Fischer erzählten weiter, es wäre sonderbar gewesen, sei doch die Insel groß und gewaltig aus der Ferne erschienen und beim Näherkommen immer kleiner geworden – ja schien sich sogar in die Luft zu erheben.  Spötter erwiderten ihnen, bei einem solchen Ereignis wie dem Großen Tag wollten selbst die Kindermärchen das Fest nicht versäumen.

Eine Meldung aus der Gläsernen Stadt unterbrach alle Vermutungen. Der Obere bat darum, die Nähe der  bereitstehenden Zelte aufzusuchen, das Fest sollte mit einer Vorbereitung der beabsichtigten Überraschungen beginnen. Nach einiger Zeit war es ruhig zwischen den Zelten. Dann rollte Wagen um Wagen von der Stadt auf die Wege hinaus. Schließlich standen sie rundum, gleichmäßig in Rufweite voneinander entfernt. Die Größten standen auf der Ringallee. Eine zweite Gruppe der größeren Wagen stand zwischen offenem Land und den Zelten. Alle Fahrzeuge hatten eine durchsichtige Kuppel obenauf, woraus ein Rohr ragte. Jedem Panzer entstiegen Freundliche, um menschengroße Holzfiguren auf die Straßen zu stellen. Alle sichtbaren Stadtbewohner zogen sich in die allseits verschließbaren Wagen zurück. Die neugierig gewordenen Schlechten sahen dem Treiben mit Erstaunen zu. Doch nie hatten sie dergleichen gesehen. Noch schlossen sie die Tore der Außenmauern, ertönte schon die Stimme des Stadtoberen aus allen Fahrzeugen:

„Landbewohner – seid willkommen. Der Große Tag steht uns bevor. Heute Nacht feiern wir nach alter Sitte noch getrennt, doch schon morgen gemeinsam. Ihr sollt Eure rauschenden Feste nicht missen. Unter jeden Zelt ist eine Kammer, angefüllt mit allen Köstlichkeiten des Leibes. Nehmt nach Herzenslust. Überraschungen sind vorgesehen. Sobald es völlig dunkel ist, versammelt Euch vor den Zelten und löscht sämtliche Lichter. Ich – der Obere – verspreche uns eine neue Zeit!“

Den Schlechten gefiel es, umsorgt doch in Ruhe gelassen, feiern zu können. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde es stiller und stiller. Bald war es völlig dunkel um die erwartungsvoll Schweigenden. Die den Wagen Nahestehenden sahen, wie sich die Kuppeln drehten und die Rohre in Richtung Stadt erhoben. Ohne Übergang leuchtete die Glasstadt hell auf. Silbriger Schimmer erhob sich über die golden leuchtende Außenmauer. Immer greller schwoll das Leuchten an, fast im Weiß brach die Lichtflut schlagartig ab. Mit Knallen flogen Geschosse, farbige Bahnen ziehend aus allen Rohren. Die Spuren endeten oberhalb der Stadt. Mit Getöse explodierte das Feuerwerk. Das Antlitz des Oberen entstand derart, dass es allseits gesehen werden konnte – so als wende sich sein Gesicht jedem Einzelnen zu. Der Lärm verebbte. In dem Maß, wie das Gesicht verblasste, begann die Stadt erneut zu leuchten. Ein buntes, fließendes Licht. Ausreichend, bis zum entlegensten Zelt für ausreichend Helligkeit zu sorgen. Nach ersten, zögernden Rufen setzte ungeheuerlicher Jubel ein. Es erklang ein Schreien und Hochrufen auf die Gläserne Stadt und den Stadtoberen, wie es zuvor unmöglich gewesen wäre. Als dazu aus den Fahrzeugen Musik erklang, wie die Schlechten sie mochten, nahm das Fest Formen an, die sich der Nacherzählung entziehen. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt gerade überschritten, als die Worte des Oberen die Ruhe zwischen den Zelten beendeten.

„Schlechte, Euer Fest ist nun vorbei. Heute ist unser Großer Tag. Tretet vor die Zelte und stellt Euch die Wegränder entlang auf. In einer Stunde kommt die nächste Überraschung, die nicht versäumt werden darf!“ Fast unerträglich laut wurde die Aufforderung wiederholt, wobei die  Zeitangabe immer mehr zur Eile drängte. Unwillig kamen die Landbewohner an die Straßen. Einzig die Erinnerungen an das Lichterfest und die Nacht bewegten sie, Wagen und Holzfiguren voller Erwartung anzusehen.

Der Obere stand auf der Spitze des größten Turms der Stadt und sprach in ein Gerät, worauf seine Stimme aus allen Fahrzeugen klang: „Ich – der Stadtobere – übernehme von jetzt an die Herrschaft über alle Menschen in der Stadt, auf dem Land, im Gebirge und am Meer. Ich verlange völligen Gehorsam. Widerspruch ist zwecklos, Widerstand sinnlos. Den Beweis meiner Macht zeige ich mit meinem neuen Titel an: WELTHERRSCHER!“

Das verwunderte und zornig lauter werdende Rufen der Schlechten über die Äußerungen des Oberen wurde alsbald unterbrochen. Die Kanonen der Panzer richteten sich auf die Holzfiguren. Geschosse zerfetzten die Ziele in kleine Teilchen. Das Schreien der von Splittern Getroffenen ging in ein Lärmen der Massen über. Das Angstgebrüll schwoll an, als die Kanonen zu den Menschen hin gedreht wurden. Die kreisenden Panzerrohre auf den ansonsten unbewegt dastehenden Fahrzeugen ergaben ein seltsames Bild inmitten der tobenden Menschenmengen, die sich zwischen die Zelte zurückzogen. Der selbsternannte Weltherrscher befahl die Landbewohner an der Ringallee zum Gesetzesempfang in die Stadt. Vom Ablauf der Geschehnisse betäubt gingen viele der ausgesuchten Schlechten. Der ehemals nur Stadtobere erwarte sie umgeben  von Panzern, unter einer erhöht stehenden Glaskuppel sitzend. Als Ruhe eingekehrt war und die Ereignisse ihren Lauf nehmen konnten, ging ein erschrockener Aufschrei durch die Menschenmassen. Hoch in der Luft, weit über den Türmen der Stadt schwebte die sagenumwobene Insel. Ein Felsen, der an Größe schneller und schneller zunahm, schließlich den Horizont in jeder Richtung überschritt. Ob Freundliche oder Schlechte, alle Menschen starrten verblüfft nach oben. Allein der Obere sah auf den Wanderer, der von einem Augenblick zum Nächsten auf dem freien Platz vor der Thronkuppel erschien. Nach der ersten Aufregung herrschte eine beklemmende Stille. Kein Mensch regte sich. Sahen sie doch, ob nah oder fern, was am Versammlungsort vor sich ging. Der den Stadtbewohnern unbekannte und den Landbewohnern unliebsame Wanderer hatte den Körperbau der Schlechten und trug deren Kleidung, doch redete und benahm er sich wie ein Freundlicher.

„MENSCHEN – bevor die Zeiten begannen waren der Obere und ich   E I N S.   Wesentlich, doch ohne Gestalt oder Form. Vollendet, aber von Wünschen und Hoffnungen beseelt. Schon vor langem fand ich diese Welt aus Glas und Stein. Eure zunehmende Zwietracht ließ sich nie verhindern. Also förderte ich die Schnelligkeit der Entwicklung von Gegensätzen bis hin zu den Umständen, wie sie bis vor kurzem üblich waren. Jedoch verging Zeit um Zeit, und keine Änderung trat ein. Ich begann ungeduldig zu werden und ließ die Insel um Euer Land schwimmen. Es sollte ein Zeichen sein, dass es auch anderes gibt als Euren Lebensbereich. Mehr als Geschichten erreichte ich damit nicht. Deshalb entschloss ich mich zu einem letzten Versuch, teilte mich auf in Gut und Böse und gab uns Eure Gestalt. Er, der Böse, ist von gutem Aussehen und schlechtem Wesen. Ich, der Gute, bin ein schlecht erscheinender Mensch mit freundlichen Gefühlen. Unsere Absicht war, die kriegerische Uneinigkeit der Schlechten zu beenden und die selbstzufriedene Abgeschlossenheit der Freundlichen zu überwinden. Worte und Taten führten hierhin. Aber auch jetzt ist es uns unmöglich, die Lage wirklich zu verstehen. Wir werden uns wieder vereinigen und Euch zwei Möglichkeiten der Zukunft zeigen – zwei von unendlich vielen anderen möglichen. Dann wird die Insel ihren Standort im Meer, auf der anderen Seite dieser Welt wieder einnehmen. Dieses Mal für immer!“

Indessen lag die Insel, zu einem Felsbrocken geschrumpft, auf dem Thronplatz. Nach dem letzten Satz des Wanderers zerbarst die Glaskuppel des Oberen. Die beiden Fremden schritten aufeinander zu. Die Insel war nun ein Abbild des Menschenlandes. Freundliche und Schlechte lieferten sich einen fürchterlichen Krieg. Wildheit und die Überzahl der Landbewohner wogen die Waffen der Stadtbewohner auf. In Trümmern ging die Gläserne Stadt unter. Fast alle Schlechten wurden von den um sich schießenden Wagen getötet, während ein umgeworfener Panzer nach dem andern explodierte. Nach einer langen Schlacht trennten sich die Überlebenden. Eine kleine Gruppe Freundlicher blieb weinend inmitten der Trümmer. Ein paar um sich drohende Schlechte zogen ins Land verteilt davon.

Allmählich wandelte sich das Bild. Leichen, Trümmer und Straßen verschwanden. Eine Gläserne Stadt und riesige Ackerflächen entstanden. Karawanen wanderten zwischen Gebirge und Glasstadt hin und her. Plötzlich vermehrten sich Wanderzüge, befestigte Wege erschienen. Zeltdörfer. Menschen über Menschen. Eine leuchtende Nacht – der Tag voller Blut und Schuld. Die Trümmer zerfielen. Immer rasender wiederholten sich die Bilder, bis die Betrachtenden einer Ohnmacht nahe waren. Das verwirrende Schauspiel erlosch, als die beiden Fremden einander berührten. Am Ort des Zusammentreffens entstand ein Wesen. Es war unbegreiflich und schien doch greifbar. Hatte keine Farbe, keine Form. War gestaltlos und doch körperhaft. Wie ein Nebel, und eben nicht wie ein solcher, legte sich die Erscheinung über den Inselfels.

Neue Bilder entstanden. Zu sehen war die Weltkugel. Sich gegenüber liegend die zwei Inseln in dem einen Meer. Auch gab es die Gläserne Stadt mit den Zeltdörfern. Es war Nacht und das Feuerwerk begann. Die Abbildung zeigte aber zwei Menschenpaare, die einander die Hände reichten. Tage und Nächte vergingen. Die Außenmauer der Gläsernen Stadt war fort. Ein ständiges Kommen und Gehen zwischen Stadt und Zelten. Gläerne Siedlungen wurden entlang den Wegen gebaut. Schiffe auf dem Meer legten immer weitere Strecken zurück, erreichten bald die zweite Insel. Diese war fast eben, in der Mitte ein kreisförmiges Gebirge. Mehr und mehr Menschen bevölkerten die Welt. Aus dem höchsten Gipfel der frisch bevölkerten Insel strahlte eine Lichtbahn in den Himmel und verlor sich dort. Das Bild wechselte sich abermals. Andere Welten wurden sichtbar. Der eigenen Erde ähnliche und gänzlich fremdartige Planeten. Auf ihnen Wesen, die bekannt erschienen, aber auch Welten unverständlicher Erscheinungen. Welten mit Kriegern, Erdkugeln ohne Menschen, Planeten ohne Lebewesen. Welten ohne Krieg, Erdenräume voller Menschen. Planeten voll lebendiger Bewegung. Und Weltkörper, von denen Leuchtbahnen aufstiegen, die sich im All verbanden. Die Lichtspur des Inselplaneten zerteilte sich im Weltenraum, verwob sich mit dem Netz aus Leuchtstrahlen. Eine Lichtbahn fiel auf eine erdähnliche Welt.

Begleitet von Musik, die Sehnsucht und Trauer, Wut und Hoffnung, Verzweiflung und Liebe, Einsamkeit und Lebensfreude ausdrückte, erhob sich die Insel über die Gläserne Stadt und verschwand größer werdend in Richtung des Meeres.

(Bielefeld, 1984/2012)