Babylon
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Einmal Babylon und zurück

Wer eine verständige Ausdrucksweise benutzt und wahrgenommen wird, kommuniziert.

Mensch war sich selbst das erste Kommunikationsmedium, blieb es lange Zeit. Durch die Schriftsprache wurde das gesammelte Wissen allen zugänglich. Dieses einmal geweckte Bedürfnis konnte nicht mehr aufgehalten werden. Lange Zeit war die Tageszeitung das einzig sichtbare Zeichen dieser eingeleiteten Vermassung der Kommunikation. Während die Schriftsprachen die Gesellschaft nur in Klassen aufteilen half, wobei jede Klasse sich ihrer Kommunikationsmittel bedienen konnte, waren Radio und Fernsehen Ursache dafür, dass auch Massenkommunikation als Prinzip mit dem Umweg über ein technisches Medium in Dienstanbieter und Konsumenten zerfiel.

Radio und Fernsehen ließen die Welt zusammenrücken, wobei diese Welt immer stummer wurde. Gleichzeitig, mit dem Einsatz von Kommunikationsmedien, die Anbieter und Verbraucher, also die Erzählenden, immer weiter voneinander entfremdeten, durch ihren massenhaften Einsatz und Gebrauch, kam mit Radio und Fernsehen die erste Akzeptanz scheinbarer Wirklichkeit auf. Was einst Privileg des Kanoniers war, nämlich das Elend zu sehen, das seine Kugeln auslöste, dies wurde bei der Fernsehkriegsberichterstattung frei Haus geliefert. Diese Form der Verständigung war der Höhepunkt einer mehr und mehr zwielichtigen Kommunikation. Am Fernseher wurden Vergangenheit und Zukunft auf einen nicht mehr nachvollziehbaren Gegenwartspunkt zusammengestaucht. Diese Inflation der Werte wurde im gesamten Medienbereich sichtbar. Kommunikation reduzierte sich auf den Akt der Wahrnehmung, es galt als schick, informiert zu sein und als dumm, sich nicht der Modeinformationen zu bedienen.

Kommunikation, einst ein stetig wachsender Erfahrungsschatz, verkam zur einseitigen Strategie der Nachrichtenaufbereitung. Während bei Radio und Fernsehen Gehör, bzw. Auge noch eine gewisse Unterströmung wahrnehmen konnten, entfiel dies bei der computergestützten Telekommunikation endgültig. Und einen weiteren Eingriff brachte gerade dieses Medium in die schon so arg gebeutelte Kommunikationskultur. Die endgültige Akzeptanz der NUR-verbalen Kommunikation als Normalzustand. Kommunikation, reduziert auf Funktionalität? Sollte dies das Medium der Zukunft sein? Gewiss nicht, erst wurde es noch schlimmer. Die unpersönliche Kommunikation, die sich am geschriebenen Wort orientierte, hatte im Prinzip keinerlei erzieherischen Effekt. Unvorbereitet torkelten junge wie alte Menschen vom Nachrichtenkarussell der Telekommunikation. Nicht ahnend, dass sie dieses Medium hätten genießen müssen wie ein Buch, nicht wie eine Konferenzschaltung am Telefon oder in Radio oder Fernsehen. Die computerunterstützte Telekommunikation lockte ebenso Idealisten wie knallharte Geschäftsleute an. Es fehlten Modelle, ob nun die Finanzierung betreffend oder den bloßen menschlichen Umgang. In diesem Hexenkessel gingen schlicht weg alle unter, die sich nicht vorher Gedanken gemacht hatten, was sie mit einer rein schriftorientierten Kommunikation anfangen wollten.

War computerunterstützte Telekommunikation ein sicherer Weg, erzählerisches Kommunizieren wieder gesellschaftsfähig zu machen? Leider nein, schon bald zeichneten sich gravierende Kommunikationsstörungen ab. Die geschaffene öffentliche Anonymität wurde von vielen als Aufforderung missverstanden, verbale Aggressionen ohne jede Rücksicht auszuleben. Andere wiederum verstanden es, dieses Medium mit ihren politischen und/oder kommerziellen Interessen zu überfluten, deren Abgeschlossenheit an die logischen Systeme von Psychopathen gemahnen. Der Verfall sachlicher Auseinandersetzung neben gezielter Agitation voller unanfechtbarer Worthülsen wurde zum kommunikativen Alltag.

Das Anwachsen nicht-gewerblicher Verteilerkreise wurde von Staat und Wirtschaft nicht gefördert, aber geduldet und alsbald genutzt. Geduldet, weil ein kostenloses, observierbares Experimentierfeld entstand, genutzt vor allem von der Wirtschaft, die schnell die Möglichkeit erkannte, über als Produktinformationen verkleidete Werbung zu verbreiten, und über produktorientierte Diskussionsforen vom Marketing bis zum Produkttest so ziemlich jede produktbezogene Information zu bekommen. Waren es anfangs Unternehmen der Computerbranche, entdeckten bald alle Unternehmensbereiche, dass bei einem Mindestmaß netzbezogenen Anscheins der kostengünstigen Marktanalyse nichts im Wege stand.

Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde Telekommunikation zur Alltagserscheinung. Die Einführung der MUMEBOX (Multi-Media-Electronic-Box) können wir als Grundstein jener Epoche sehen, die wir gerade beenden. Nicht der Wunsch, die Telekommunikation zu bereichern, sondern die Einsicht, welches der einzige Weg zur Profitmaximierung im Unterhaltungsbereich sein konnte, brachte die bekannten Veränderungen. Allerdings können wir heute sagen, dass die MuMeBox den Trend zur persönlichen Isolation erst wirklich ins Rollen brachte, weil es eine ernsthafte Konkurrenz zum Fernsehen war. Das Zusammenfließen der vorherigen Einzelgeräte Radio, Telefon, Telefax und Kabelfernsehen zur MuMeBox und der Übergang des Zeitungs- und Buchwesens in das ELAV (Electronic-Archiv) beendeten die Phase, dass Information ohne Selektionshilfen im meist überproportionierten Maß entstanden. Statt einer ganzen Zeitung wurden nur die Artikel, um die es den einzelnen Menschen ging, auf wiederverwendbaren Schriftträgern gedruckt, wie auch ganze Bücher nur noch auf Bestellung gedruckt wurden. Vom Informationsfluss über Bestell-und Rechnungswesen bis hin zur Regionalen Lebensmittel-Verteilerbeobachtung, die MuMeBox veränderte eine Gesellschaft, die an drastische Umschwünge kaum noch glaubte, radikal.

Die auf den ersten Blick multimediale Gesellschaft, jeder Haushalt war zugleich fähig, als Sendestation zu arbeiten wie auch als Verbraucher zu agieren, wurde von einem fein ausgeklügelten Preissystem unter Kontrolle gehalten. Der Umweltkollaps hatte Mobilität zu einem teuren Privileg werden lassen, und die globalen Verteilersysteme mit ihren Gebührenstrukturen eine Population von Arbeitsverpflichteten geschaffen. Zwar waren nur knapp 40 Prozent der Menschen aktiv Arbeitstätige, von den restlichen 60 Prozent aber nur etwa 5 Prozent frei von kurz- oder langfristigen Abrufvereinbarungen aufgrund der Kredite für MuMeBox-Lizenzen. Die multimediale Kommunikation hatte eine Gesellschaft geschaffen, die äußerlich wie eine Freizeitgesellschaft wirkte, im Kern aber ein Heer von Dienstverpflichteten darstellte. Diese zunehmende individuell wie auch klein- und großgruppenorientierte Isolation führte unter anderem zu den uns heute bedrohenden Problemen gentechnischer und pseudofeudaler Natur. Der anscheinende Ersatz persönlicher Kommunikation durch MuMeBoxen führte global zu inzestuösen Enklaven, die Gastpartner in den weniger entwickelten Ländern mieten, um letztlich durch direkte Kommunikation Immunsysteme und Genpool aufzufrischen, wobei der Widerstand aus den pseudofeudalen MuMeBox-Enklaven zunimmt. Unsere heutige Zeit steht vor der krassen Entscheidung, persönliche, unmittelbare Kommunikation als einzigen Weg aus dem Isolationskollaps zu erkennen

Menschen brauchen, um kommunizieren zu können, mehr als ein intaktes Immunsystem und einen regenerierten Genpool. Die Art und Weise, mit der das MuMeBox-Netz in immobilen Hausgemeinschaften erstarrt, ist nicht die Ursache, sondern das Symptom einer Gesellschaft, die sich in einer kommunikativen Sackgasse befindet. Es gilt die Voraussetzungen zu schaffen, dass die ursprüngliche Funktion des persönlichen Erlebens den höchsten Stellenwert wiedergewinnt.

Was mit dem Datenhandschuh begann und seinen augenblicklichen Höhepunkt in der rückgekoppelten Simulationskammer gefunden hat, es ist ein Irrweg, der nicht ohne Logik ist, denn die Beherrschbarkeit denkender Menschen geht mit dem Aufgebot an neuen Vergnügungen einher. Die Projekte einiger Randgruppen sollten einer abschließenden Erwägung wert sein. Schaustellwanderer sind von ihrer Grundidee wie besessen. Wie einst Drehorgelspieler ziehen die Schaustellwanderer von Ort zu Ort, in ständig wechselnder Gruppengröße, mal reines Orchester, mal Geschichtenerzähler, mal einstudiertes klassisches Ballett, mal erquicklicher Nonsens.

wenn ich wie viele andere frage, warum so, wo doch das MuMeBox-Netz reicht, so bekomme ich die einleuchtende Antwort, weil es das Bedürfnis nach sozialer Bewegung deckt und die gesellschaftliche Problematik des Genpools wie auch der Gruppenisolation konkret anfasst. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass das Ministerium für Kommunikationsangelegenheiten der Vereinigten Zentralregierungen in einem ersten Schritt aktives Schaustellwandern als der Allgemeinheit förderliche Dienstleistung anerkennt und die Zonenbegrenzung für Schaustellwanderer aufgehoben hat.

Ich denke, bei aller Skepsis, die schon ein kurzer Abriss der Geschichte der Kommunikation erzeugen muss, es wird auch ein Zugewinn sein für eine Gesellschaft, die die Mobilität der Kommunikation mit ihrer eigensten Beweglichkeit verwechselt.

(1995)