Erstkontakt
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Erstkontakt

„Jerm ist in jeder Hinsicht ein interessanter Mensch: lernbegierig und handlungsfreudig.“ Die Tür zum Korridor öffnete sich. Die anwesenden Teilnehmer  wandten sich vom Einsatzleiter ab, um den hereinkommenden Mann aufmerksam zu betrachten. Das war also Jerm, der erste Mensch, der Kontakt zu einer nichtirdischen Intelligenz aufnehmen soll. Allerdings gab es auch andere Beinamen wie: intellektueller Selbstmordkandidat, was schon zu den schmeichelhafteren Aussagen gehörte.

Die seit kurzem die Erde heimsuchenden FREEJAZZER traten auf wie eine Horde Straßenräuber und dieser Mann sollte nun die Wende bringen. Die hin- und herfliegenden Blicke besagten nur eines: Da landen Außerirdische, sind nicht ansprechbar wie auch nicht aufzuhalten oder gar zu verletzen, und diese Durchschnittserscheinung namens Jerm soll die entscheidende Alternative herausfinden können? Er kam auch gleich Sache. „Ihr alle wisst, was ich tun werde, deshalb fasse ich nur zusammen: Ihren Namen haben die FREEJAZZER von mir bekommen. Mir fiel auf, dass Ihre Kommunikation von vorbestimmten Strukturen wie spontan improvisierten Begriffen gleichermaßen durchdrungen ist. Bisher ist nicht feststellbar, ob es einzelne Stimmen sind, die gemeinsam sprechen oder eine Aussage mit unterschiedlichen Darstellungen; wenn die FREEJAZZER gemeinsam sprechen, was sie zu ca. 80-90% tun. Leider bewegen sich die FREEJAZZER durch unsere Welt, als hätten wir diese kurz vor Ihnen vollständig verlassen. Nach unseren Begriffen rauben und plündern sie, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Ich vermute, aus ihrer Sicht betreiben sie archäologische Studien. Das in unseren Augen völlige Fehlen eines Musters Ihrer Vorgehensweise macht sie zutiefst unberechenbar. Allerdings gehen sie minimalistisch vor, überwinden oder zerstören Hindernisse nur an den notwendigen Punkten. Was uns dazu führt festzustellen, dass die FREEJAZZER jegliche menschliche Anwesenheit oder Aktion einfach nur als ein weiteres Hindernis betrachten, das beiseitegeschoben oder vernichtet wird  - oder was immer hinter dem aus der Existenz spurlos verschwinden stecken mag. Was sind sie? Eine unfassbar disziplinierte Diebesbande, so  eine Art ‚Plündern light‘, gefährlich nur für uns, wenn man sich wehrt oder im Weg steht? Ist es totale Gleichgültigkeit uns gegenüber? Nimmt man uns bestenfalls als das Äquivalent der Vogelwelt zur Kenntnis, nach dem Motto, der Vogel darf im Baum zwitschern, aber bitte nicht im  Schwarm seine Notdurft über uns abwerfen? Jedenfalls haben wir festgestellt, dass das jeden FREEJAZZER umgebende Kraftfeld nicht im Vornherein zerstörerisch oder tödlich ist. Und nun kommt mein Part: Anstatt Kommunikation anzubieten beabsichtige ich mitzuspielen. Ich gehe davon aus, die FREEJAZZER können aus sich heraus nur gemeinsam spielen, aber nicht in unserem Sinne kommunizieren. Ich vermute, dass die FREEJAZZER uns noch gar nicht als interaktiv kommunizierende Art ausgemacht haben, in uns so etwas wie biotechnische Wartungsroboter einer verlassenen Welt sehen. Zumindest verfügen sie über Flug- und Fahrzeuge die zum Großteil aus biologischer Masse bestehen. Soweit die Spektralanalysen. Und hier gleich der springende Punkt, alles was ausschließlich messenden Charakter hat, durchdringt die Kraftfelder. So auch Schall innerhalb bekannter Grenzen. Die Chancen, Gehör zu bekommen, wenn ich nicht wie ein Papagei auftrete, sondern wie ein Mitglied einer Musikgruppe mitspiele, stehen gut. Ich versuche erst einmal das Thema aufzugreifen, um dann ein eigenes Thema vorzuschlagen. Der Erfolg wird davon abhängen, ob ich die nachvollziehbaren Sprachelemente korrekt nutzen und die Improvisationen im Erkenntnisrahmen der FREEJAZZER formulieren kann.“ Entschlossen packte sich Jerm den Rucksack auf, der teils Lebensmittel- und Wasserrationen für eine Woche, teils die zuverlässigste Kommunikationstechnologie, die derzeit vorhanden war, enthielt. „Sie alle“, er sah jeden der gut zwei Dutzend Anwesenden der Reihe nach genau an, „sind mein Rückhalt, mein Wissensschatz, meine Schutzengel. Maximal eine  Woche lang werde ich dort draußen nun mitspielen, oder solange es überhaupt geht. Machen sie der Gruppe, der ich mich anschließe, den Weg von Menschen frei, damit ich nicht gezwungen bin, die Gruppe vorzeitig zu verlassen.“

Schon nach wenigen Minuten erschien Jerm auf den Bildschirmen der Beobachter. Es wurde stiller und stiller, als er mit jenen Standardlauten, vom Rucksack-Gerät abgespielt, auf die Zielgruppe zuging. Beim Wechseln von Individuen von einer Gruppe zur anderen kam es zu den wenigen, ständig in derselben Situation wiederkehrenden, Lauten. Der kritische Moment war da: Jerm improvisierte eine Lautkombination, die in sämtlichen Aufzeichnungen nicht vorkam, in der Annahme, im Kontakt kommt es immer zu einer persönlichen Vorstellung. Als sich die Gruppe übergangslos um ihn herum neu formierte, derart, dass Jerm mitgehen konnte, als hätte er ein Kraftfeld, brach sich der angehaltene Atem im Jubel seinen Weg in der Beobachtungskuppel.

Als die Gruppe die ersten hundert Meter zurückgelegt hatte und somit die gerade Linie erkennbar wurde, begannen die Routinearbeiten, um das Ziel zu recherchieren. Ein immer lauter werdendes Streitgespräch durchbrach die Bienenstock-Atmosphäre: „Was glauben Sie?“ schnauzte der Wissenschaftsleiter eine der vielen technischen Hilfskräfte an. Dieser erwiderte trotzig: „Bin ich der einzige, dem sich in diesem Augenblick die oft diskutierte Frage stellt? Ist die äußerlich völlig unterschiedliche Erscheinungsform der FREEJAZZER wirklich ähnlich den vielen Hautfarben und ethnischen Gruppen in unserer Welt zu sehen - oder wurde Jerm gerade assimiliert? Könnte es sein, dass er nun einer von denen ist - ein FREEJAZZER geworden ist?“.

Der plötzliche Aufschrei  jener, die die Monitore beobachteten, unterbrach das Hintergrundgespräch. Alle konnten sehen, wie sich die FREEJAZZER gegenüber einem Gebäude wie bekannt keilförmig organisierten, Jerm als Person an der Spitze ohne Zögern auf die Wand zuging und ein erstes Loch hinterließ, wobei sein Kraftfeld auf die bekannte Art und Weise in zig Farben irisierend aufleuchtete.

© Horst Willenberg (23.2.13, Bielefeld)