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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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„Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?“ Ich sah den Fremden kaum an, der mich verlegen lächelnd ansprach. Schließlich fühlte ich mich aus meinen Betrachtungen gerissen. Nicht aus Ablehnung oder Unhöflichkeit schwieg ich. Mir fiel es schwer zu sprechen. Stundenlang hatte ich meine Blicke und Gedanken auf die vorbeiströmenden Menschenmengen gerichtet. Ich räusperte mich: „Ja, bitte!“. Mit einem dankenden Nicken nahm er Platz und redete in einer Art, als würde ein schon langes Gespräch nach einer Pause fortgesetzt: „Nach Ihren Begriffen habe ich kein Erinnerungsvermögen. Obwohl ich Sprache benutzen kann, denke ich nur in Bildern. Ich erinnere mich nur meiner Wahrnehmungen. Logische Erkenntnisse gehören nicht zu meinen Alltagserlebnissen. Erfahren habe ich nur das Anschauliche!“

Dieser Fremde verstand es, mich neugierig zu machen. Jede Silbe schien er zu betonen, mit seinen Händen, Schultern, Augen und - seinem Mund! Mund? Er hatte - keinen Mund?! Glattrasiert, wie er war, ließ es sich nicht übersehen. Ich schloss meine Augen. Mir wurde klar, dass ich übergeschnappt war, einfach so von einer Minute zur anderen die Grenze zwischen Spinnerei und Wahnsinn überschritten habe. Natürlich hatte er einen Mund, natürlich erlag ich einer Täuschung. Bildete ich mir nur den fehlenden Mund ein oder war das ganze Gespräch eine Wahnvorstellung? Verzweifelt hielt ich meine Augen geschlossen. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen, er sprach nicht mehr. Aber was hatte ich denn dann gehört? Gab es wirklich irgendwen, den ich gehört und gesehen hatte? Vorsichtig öffnete ich die Augen und nahm erleichtert zur Kenntnis, dass zumindest die anderen Menschen mit Mündern sprachen. Im Augenwinkel nahm ich eine weitere Gestalt neben der des Fremden wahr. Stotternd verneinte ich die Frage einer älteren Dame, ob der Stuhl noch frei sei. Sogleich setzte mein Gespinst seine Litanei fort. Automatisch schaute ich ihn wieder voll an, um aufgrund dieses mundlosen Angesichts ernsthaft darüber nachzudenken, wohin ich mich mit meiner schweren Wahrnehmungsstörung oder Bewusstseinstrübung wenden könnte.

„Ich verstehe Ihre Erregung. Obwohl mein Anblick sie irritiert, mein Anliegen kann ich Ihnen nur mitteilen, wenn Sie mich weiterhin voll ansehen!“ Das gab mir den Rest. „Hat es was mit Hypnose zu tun?“ Nun war es geschehen, ich ließ mich auf meine Wahnvorstellung ein. Doch was sollte ich tun, sie abschaffen wollen, vor ihr wegrennen? Immer wieder schaute ich auf die Stelle seines Gesichts, wo der Mund fehlte und in seine Augen, deren Ausdrucksstärke ich nun zum ersten Mal wahrnahm. „Sie behaupten zu leben. Aus menschlicher Sicht steht meine Existenz Ihrer entgegen. Gewissermaßen bin ich Ihr Tod. Für mich leben Sie nicht, denn Sie sterben. Ihr Tod ist meine Geburt. Mir ist unverständlich, warum ich lebe, damit Sie sterben können.“

„Ob Sie sich für den Tod, einen Engel, den Gestaltenden selbst, einen toten Gott oder was sonst auch immer halten - geben Sie Ruhe!" Erschöpft sank ich auf meinem Stuhl zusammen. Was versuchte ich mir mit diesem Wahngebilde selbst mitzuteilen. Fieberhaft redete ich mir ein, dass es nur eine Wahnvorstellung sein kann, fand aber keine Erklärung. Deshalb glaubte ich kein Wort. Wort? Erneut nahm ich sein Gesicht zur Kenntnis. Eigentlich ein schönes Gesicht und obwohl nicht vorhanden fehlte ihm kein Mund. Ich überlegte. Wer ohne Mund sprechen kann, braucht keinen Mund. Ich war offensichtlich verrückt geworden. Mir schien alles klar. Er unterbrach meine Überlegungen. „Meine Geburt wird Ihr Tod!“ Allmählich wurde es, (wurde ich mir?) zu viel. Seine Mundlosigkeit nahm mir die Sprache. Was tun? Den Nächstbesten fragen, ob dieser Fremde einen Mund habe oder nicht? Mich zur nächsten Heilanstalt begeben?

„An sich sind Sie eine Fiktion!“ Ich war für ihn nur eine Fiktion? Meine Fiktion beschimpft mich, ich sei ja nur eine Fiktion. Mein eigener Tod, als den er sich ja ausgibt, wirft mir mein Sterben vor. Ich muss äußerst unzufrieden mit mir sein! Er fuhr fort: „Keiner kann aus seiner Haut. Wer weiß, woher Sie kamen, wohin ich gehe. Ich sehe doch, dass sie mich innerlich ablehnen, meine Existenz verneinen. Letztlich ist Leben die Wirkung unserer Begegnung, nicht die Ursache. Die Welt ist immer Ursache und Wirkung." Die Augen des Fremden! Schieres Feuer loderte in ihnen und ich las zum ersten Mal bewusst in Ihnen: "Sie sind stolz, ein Mensch und kein Tier zu sein. Die Gewissheit, dass es einen Tod nach dem Sterben gibt, ist Ihnen völlig ausreichend. Die Ihnen unerträgliche Wahrheit ist, dass ich der Lebendige, IHR Lebendiger Tod bin.“

Mir wurde klar: „Alles lebt und stirbt, wird und vergeht zugleich. Nichts ist endgültig, nichts gewisslich. Der Kosmos ist unvollendet. Es gibt keine ewige Gegenwart und doch ist die Ewigkeit gegenwärtig. Ich will nicht sterben, um meinen Tod leben zu lassen. Wieso war es notwendig, dass wir uns begegnen?“ Zufrieden und voller Wärme sah er mich an und ich verstand: „Dass wir uns begegneten war das einzig Zufällige."

Und mein Tod, dieser mir Fremde, fremdgebliebene, mein Lebensbegleiter, bekräftigte: „Notwendig ist, dass Du stirbst, wenn ich Dich berühre. Aber ich will noch nicht geboren werden.“ Er stand auf, deutete freundlich eine Verbeugung an und ging seelenruhig davon.

 (1989 / 1994 / 2011)