Sprachreisen
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Sprachreisen

 

Ich wünsche mir, das Leben sei eine Reise durch die Nacht, jedes Erkennen wie die letzte Dunkelheit vor der Morgendämmerung. Ich fürchte letzten Endes doch den Tod, als Verlöschen des letzten Lichts. Wir Menschen wissen um die Lichtblicke der Erkenntnis und können bis zum Verlust der Identität vorausschauen.

Meine Reise begann im kindlichen Erstaunen, der wahren Demut, die nicht in Demütigungen enden sollte. Ich wollte meine Reise in Richtung des Lichts am Ende des Tunnels antreten – schuf mir den Stab, die Laterne und verbannte das Licht in die Lampe, die ich mir selbst vorantrage. Ein Esel, der sich die eigene Möhre geflissentlich vor die Nase hält. Irgendwann verbrannte die Lampe und das Licht umhüllt mich gänzlich – nur haben sich meine Augen nie daran gewöhnt. So wurde ich blind und mutlos. Aber das darf nicht bedeuten zu verwerfen, was mir an Wegen mitgegeben wurde. Nicht mehr ziellos kann ich nun die Reisekarte selbst zeichnen, Landschaften entwickeln und Wege hinzu oder hindurch setzen.

Die Sprache ist mein Leben geworden. Das Leben ist eine Sprache und ich verstehe diese wie jedes Kleinkind die Gesten und Laute der Eltern und Geschwister. Vielleicht ist Lieben einer jener Momente, in denen wir das Leben sprechen. Es war ein Anfang, die Sprache zu leben – nun bin ich Akteur des Gesprochenem, das mir je zu Ohren kam und aus meinem Munde. Während der Sprachreise ist der Anfang, das Ende aller Reisen belanglos gegenüber dem Umstand zu reisen. Zu denken immer verstanden zu werden ist irreführend – wichtig ist darum zu wissen, dass ich nicht ganz verstehe.

Es braucht nicht zu bekümmern zu erkennen, dass wir auf einer Reise sind und nicht völlig verstanden werden. Wir sind Reisende in der Vielfalt und den Abgründen einer lebendigen Sprache.

(2010 / 2012)