Interaktivität
CreativeCommons
Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
Zur Postkartengalerie
--->   Fractal AURA

Der Vollständigkeit halber

wird mitgeteilt, dass nicht alle

Informationen vollständig sein können.

 

Kritik - Kommentare - Lob

    Bitte -><- hier

         

Interaktives Kunstwerk Internet

Verständigung als Wahrnehmung der Standpunkte

Es heißt, der Computerunterricht diene der Schaffung von Computerkompetenz. Ist dem wirklich so oder geht es, wie zum Beginn der Industrialisierung, auch heute nicht um die Wissenskompetenz sondern um Bedienungsfertigkeiten? Die globale Vermischung von Fakten, Nachrichten, Informationen und Wissen zu einem Einheitsbrei, in dem jeder dieser Begriffe mit den anderen austauschbar und sinnentleert wird, erscheint wie eine Rezeptur zur Sinnverwirrung. Ist es wirklich so einfach? Lehre Gebrauch und Bedienungsweise, nenne das eingeübte Handeln Wissen. In der Regel wird der Glaube des Betroffenen, er sei wissend, zum Fakt. Der Fakt, das Wissen oft dem Glauben entspringt, als eine Nachricht zu formulieren, ist eine Information. Das erlebte Wort wurde gesprochenes Symbol. Und das wurde dann gedruckt. Wissen ist Macht, vor allem wenn mit Brief und Siegel versehen. Das Wort ward Manifest, Proklamation, geschriebene Verkündigung. Und HEUTE? Das Wort wird zum Bitmuster. Das Wort wird re - symbolisiert. Das Wort wird Energie. Durch die Einführung transportabler Sprache, z.B. Schriften, scheint die unabdingbare Notwendigkeit zwischenmenschlicher Sprachbeziehungen als Allgemeingut entfallen. Seitdem dient Sprache in der Allgemeinheit mehr der Bedienung unserer technozentrischen Kultur als denn dem Erforschen unserer Denkmöglichkeiten im LABOR SPRACHE. Die Zahl derer, die Sprache forschend betreiben, nimmt weiterhin rasant ab. Die Zahl derer, die Sprache nur rekapitulieren, bestenfalls ergänzen, jedoch kaum erneuern oder gar bewusst zu neuen Qualitäten überführen, nimmt ebenso so schnell zu. Diese sich als „Versachlichung“ gebende Art hat leise und radikal um sich gegriffen. Liebesgedichte sind out, Planungsdenken ist in. Während wir uns gegen die Ausbeutung unserer Natur auflehnen, beteiligen wir uns ungehemmt unwissend an der Ausbeutung der Sprache. Wir glauben mit der Erlangung des Schriftgebrauches, der heutzutage üblichen Bedienungsmethode der Sprache, schon an der Erforschung des Instruments Sprache beteiligt zu sein. Mehr noch: das Medium Computer verführt alle Beteiligten, Sprache zu schablonisieren. Die Fähigkeit, diese Schablonen zu handhaben, wird verwechselt mit den Kenntnissen und Fertigkeiten, die zur Erforschung der Sprache nötig sind. Wo und wohin bewegen wir uns? Faktisch in einem Medium, in dem eine Gruppe von Bytes virtuell einem Wortzeichen entspricht oder einem Grafikvektor oder einer Formel oder … auf diesem fließendem Untergrund proben wir neue Verhaltensweisen. Die Digitalisierung der Sprache birgt deutliche Gefahren. Eine ist die Möglichkeit, die Analogie zwischen Denken und Sprache aus den Augen zu verlieren, darüber hinaus zwischenmenschliche Beziehungen auf den Vorgang des Meinungsaustausches zu reduzieren. Von der Instinktreaktion zum Ritual, von dort zum Symbol und zum Wort über die Schrift zur Telekommunikation. Wo einst gemeinsames Forschen ist heute von Spezialisten geordnete Kommunikation – und nur dort sollen sich erneuerte Umgangsweisen mit und mittels Sprache ergeben können? In der Gefahr der Isolation am Terminal steckt nur, wer Meinung und Person am anderen Ende für austauschbar hält. Eine Nachricht ist eine Aussage einer Person. Die unweigerliche Anonymität der Telekommunikation verführt, die Person für das Medium Ihrer Nachricht oder gar als Fragment der Gesamtaussage anzusehen. In einer persönlichen Begegnung lässt sich dies schneller ausräumen. Wo also ist die Chance, in einer neuen Qualität sprachliche Lebenskunst zu betreiben? Mich fasziniert die Vision einer Galerie kommunizierender Bilder, Skulpturen – Kunstwerke. Das Internet als Raum Kommunizierender Kunstwerke. Zweifelnd forme ich ein kleines Werk, stelle es in diesen Raum, nehme staunend wahr, wie alle Kunstwerke einander beeinflussen, ergänzen, verändern, erneuern. Die Spuren der Wechselwirkungen betrachtend stelle ich mich dem Potenzial: Interaktive Kunst. Diese zwei Worte sagen mehr als mein ganzer Artikel, nur hätte ich ohne meinen Artikel diese zwei Worte nicht begriffen.

6.7.1990 / Juli 2011 / April 2012 angepasst