Fraglich
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Fragliche Volkszählungen

Gesellschaftliche Entwicklungen leben von Ihrer Eigendynamik. Was wird von der gesellschaftlichen Selbstentfaltung übrigbleiben, wenn Werbung, Städteplanung, Cookies und Facebook-Gemeinschaften, Bluetooth-Subkulturen und vieles mehr die Bevölkerung In eine regional-orientierte, schichten- und milieubedingte Zwangsjacke pressen können? Im Alltag lenkt das Ausleben multimedialer Persönlichkeiten die Menschen erfolgreich davon ab, dass weder die Frage: wann wie viel indizierende Gruppendaten wofür notwendig seien - noch: welche Verknüpfung welcher Daten zu welchen Zweck? - anders als in bloßen Andeutungen im öffentlichen Bewusstsein ständen. Ob im Mikrobereich eines Gespräches, ob im Makrobereich der Werbekampagnen, ein Spiel mit der Angst erlebt, wer sich informieren will. Es ist nicht von Belang, ob die Desinformation durch Informationsüberfluss gewollt oder gemacht wurde, sie ist Fakt.

Es gibt Grenzen, in welchem Maß die Wirtschaft und der Staat in meine persönlichen Belange eingreifen dürfen. Darüber hinaus  ist die Gesamtheit der Absichten, in der Zielsetzung diverser Erhebungen, nicht gewahrt. So wird nach dem erlernten Beruf, im Zweifelsfall der zuletzt erlernte gefragt. Wie vereinbart sich das mit der oft geforderten mobilen Qualifikation? Wie viele Zählpunkte werden nun auf einen „zuletzt erlernten Beruf“ festgeschrieben? Die angeblich angestrebte Präzision führt derart unweigerlich zu Trugschlüssen und missachtet Potenziale, weil zukunftsorientierte Mehrfachqualifizierungen unterschlagen werden. Damit wäre im Wesentlichen die fragwürdige Struktur der fehlerhaften Ansätze aufgeführt. Denn wie soll eine Statistik, die ein IST erfasst, jedes AUCH ignoriert und ein SOLL errechnet, ein KÖNNTE SEIN prognostizieren? Wo soll eine Logik hinführen, die nur UND bzw. NICHT kennt, doch kein ODER, kein  UND NICHT?  So wird das weder eine quantitative Analyse des ES IST noch lässt sich daraus allein auch nur eine qualitative Hochrechnung erstellen

Warum also wurde die letzte Volkszählung mit so viel Druck durchgesetzt? Geht es wirklich um eine Stichprobenerhebung? Wohl kaum, was stattfand, war so eine Art Kontrollgruppe, schließlich ist doch hochinteressant, ob all die aus dem dynamischen Pool INTERNET und sonstigen DIGITALISERTEN SOZIALGRUPPEN  ableitbaren Daten in der Kontrollgruppe STICHPROBE VOLKSZÄHLUNG verifiziert werden können. Das Ziel ist, die erforschte Menschenmenge über- und vorausschaubar wie das Wetter zu machen. Deshalb auch die gleichen Methoden: Man nehme eine Simulationsmethode, speise Grunddaten 2002 ein, rechne 1 Jahr hoch und vergleiche das Ergebnis mit den erfassten Daten von 2003. usw. usf. bis sich Simulation und Realität nicht mehr unterscheiden lassen.

Wirtschaftlicher Wettbewerb der kommenden Jahrzehnte wird sich mehr und mehr in der Simulation von Simulationsbeeinflussungen auswirken. Werbung fokussiert sich schon jetzt weniger auf das Produkt denn auf firmenbezogene Identitätsgefühle: “Die Kundschaft bleibt bei uns, egal ob wir Turnschuhe oder Limonade produzieren, Hauptsache am Lifestyle wird nicht gekratzt.” Auf Dauer wird dieser heimliche Monopolkapitalismus zusammenbrechen wie die großen Politparteien, nur wandern dann nicht die Zählstimmen sondern Kaufkraftverhalten. Deshalb ist es ja hochinteressant, dass eine Generation heranwächst, der diese “Erfassbarkeit ihrer Interessen” völlig egal zu sein scheint. Wird die Wirtschaft überhaupt bewältigen können, was da heranrollt?

Während die ca. 45 Jahre und älteren Bürger der digitalisierten Hemisphäre  danach trachten, der informationellen Überflutung Dämme entgegenzustellen, scheint es, als hätten die jüngeren Generationen längst die digitalen Surfbretter rausgeholt, um im Rausch des Spieltriebs die Gegebenheiten auszuloten. Subkulturen unterwandern via Facebook bisher eher elitäre Wirkungskreise und Eliten stellen konsterniert fest, dass das Prinzip “Teile und Herrsche” auf Dauer nur eine Wirkung hat: Vielfalt. Mit dem Internet und dem Mobilfunk steht dieser Vielfalt nun etwas zur Verfügung, was bisher immer das Privileg der Eliten war: Weitreichende Mehrwegekommunikation. Und ob Politik oder Wirtschaft, Militär oder Geheimdienste - sie alle können genauso wenig wie der berühmte kleine Mann von Straße verstehen, was in den letzten 30 Jahren geschehen ist. Aber vielleicht müssen wir Älteren es mal machen wie die Jüngeren: Mit den neuen Möglichkeiten spielen.

Bielefeld, 1987/2012