R. macht Umwege
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Horst Willenberg
Essen und Bielefeld
* 1954
Künstlerisch tätig seit 1968
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Roland macht Umwege

 

„Alles aufgeben wollte ich nicht, aber irgendwo her musste das Geld kommen. Tief in mir nagte es schon, die Ausbildung geschmissen, mehr Geld geliehen als verdienen können und niemanden Adieu gesagt zu haben.

 

Dafür saß ich jetzt mit Getränken, Kerzen und Reis bestückt in London, in der Premiere der „Rocky Horror Picture Show“. Schon allein die Atmosphäre rechtfertigte alles. Wie kann man nach so einen schönen Abend, mit so vielen Menschen so allein sein? Ziellos durch London wandern ist tief nachts ein Abenteuer und war für mich eine weitere Premiere. Dass ein Bierlokal zu dieser Zeit geöffnet hat, war einladend genug hinein zu gehen. Später fragte ich mich, ob eine Kneipe mit chinesischen Schriftzeichen mir nicht ungewöhnlich hätte erscheinen sollen. Da es keine freien Tische gab, saß ich mit Fremden zusammen und unterhielt mich mit ihnen bald über Gott und die Welt. Nicht lange, und die Leute am Tisch wussten, dass ich weder für die Heimfahrt noch für eine Übernachtung ausreichend Geld hatte. Später erinnerte ich mich etwas unterschrieben und danach Essen und Trinken reichlich bekommen zu haben.

 

Übelkeit und das Gefühl, die Welt würde schaukeln waren mir nicht unbekannt, die winzige Kabine mit Stahlwänden schon. Für längere Zeit gab es buchstäblich nur Wasser und Brot. Das Schiff war lange unterwegs und niemand redete mit mir. Eines Nachts wurde mir bedeutet, einem Seemann durch einen Gang in einen Lagerraum zu folgen und mit vielen anderen in einem Container zu steigen. Wie alle anderen bekam ich eine Nummer um den Hals gehängt.

 

Nach vielen Stunden wurden wir ins Freie gelassen. Hier erfuhren wir, dass wir allesamt einen Vertrag unterschrieben hatten, demzufolge wir als Leiharbeiter verpflichtet waren. Am Einsatzort sollte ein breiter Graben für eine Fernverbindungstrasse freigelegt bzw. gezogen werden. Nach vielen Wochen eintöniger Arbeit setzte bei den chinesischen Aufsehern eine große Aufregung um uns herum ein.

 

Allmählich erfuhren wir, dass eine erhebliche Anzahl von Terrakotta-Figuren gefunden worden war, Grabbeigaben irgendeines mir unbekannten chinesischen Kaisers. Als mit aufgeregter Anspannung Vorbereitungen getroffen wurden, mich und die anderen „Zwangsarbeiter“ fort zu bringen, schlich ich mich im Schutze der Ereignisse davon und verbarg mich in einer der zahlreichen Baugruben.

 

Erst nachdem viele Stunden später aller Lärm verklungen war, ging ich ins Freie und sah mich um. Als ich um eine Ecke kam, stand ich unversehens in einer Gruppe von etwa einem Dutzend Personen, die mich gar nicht beachteten, weil ihre ganze Aufmerksamkeit den freigelegten Terrakotta-Kriegern galt. Als ich merkte, dass zwei davon sich in meiner Muttersprache unterhielten, stellte ich mich möglichst unauffällig zu ihnen.“

 

„Und die haben Dich natürlich sofort durch alle Kontrollen geschmuggelt, Dir die Heimreise finanziert, dich vorher aufgepäppelt von den Strapazen – ach ja, ganz abgesehen davon dass China Leiharbeiter sonst immer exportiert und nicht entführt, um sie zu importieren“ , Sabine holte tief Luft, schaute mich lange an und sprach, wie zu einem störrischen kleinen Kind: „Roland, willst Du mir wirklich nicht einfach sagen, was Du in den letzten Monaten tatsächlich gemacht hast?“